
Elfin Açar ist eine bildende Künstlerin, die primär im Bereich der Malerei arbeitet. Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis stehen die Beziehungen zwischen Identität, Erinnerung, Zeit, Ort und weiblicher Erfahrung. Malerei ist für Açar nicht allein eine Form der Bildproduktion, sondern ein Feld, in dem sie untersucht, wie sich Identität, Erfahrung und Erinnerung im Laufe der Zeit formen und verändern. Ihre malerische Praxis erweitert sie durch textile Verfahren wie Weben und Sticken und erforscht dabei die Möglichkeiten von Oberfläche, Material und künstlerischem Prozess.
In Açar’s Arbeiten erscheint Identität nicht als etwas Feststehendes und Abgeschlossenes, sondern als ein Prozess, der sich im Laufe der Zeit verändert und immer wieder neu formt. Die Vergangenheit ist dabei keine abgeschlossene Zeit, die hinter der Gegenwart liegt. Sie steht in ständigem Kontakt mit der Gegenwart, wird neu erinnert und verändert sich mit jedem Erinnern. Die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zeigt sich in den Schichtungen ihrer Malerei ebenso wie im Entstehungsprozess. Verschiedene Zeiten begegnen sich auf derselben Oberfläche; Bilder, Formen und Spuren verändern sich und werden zu einem Teil der gegenwärtigen Erfahrung.
Persönliche Erfahrungen und biografische Spuren öffnen in Açar’s Arbeiten den Zugang zu unterschiedlichen Schichten der Erinnerung. Das Persönliche begegnet den Spuren anderer Geschichten und Zeiten. Diese Verbindung erweitert sich insbesondere über die Erfahrungen von Frauen und die Formen ihrer Überlieferung. Açar beschäftigt sich mit Frauengeschichten, die außerhalb der offiziellen Geschichtsschreibung liegen und innerhalb des Alltags von Generation zu Generation weitergegeben werden. Diese Geschichten werden nicht nur durch Sprache übermittelt, sondern auch durch Körper, Hände, Wiederholung, Arbeit und Produktion. Die Wiederholung einer Bewegung, die Fortführung einer handwerklichen Tätigkeit oder eine auf der Oberfläche hinterlassene Spur kann selbst zur Erzählung werden.
Textil, Weben und Sticken sind daher in Açar’s Praxis keine von der Malerei unabhängigen Disziplinen, sondern Erweiterungen ihrer malerischen Arbeit, die deren materielle und konzeptuelle Grenzen verschieben. Faden, Stoff, Naht und Gewebe werden zu Mitteln, um zu untersuchen, wie Geschichten getragen, wiederholt und im Laufe der Zeit verändert werden. Das Material repräsentiert eine Geschichte nicht lediglich, sondern trägt die Form ihrer Überlieferung in sich.
Der künstlerische Prozess selbst besitzt in Açar’s Arbeiten eine eigenständige Bedeutung. Das Auftragen, Überlagern und Zurücknehmen von Farbe, die erneute Bearbeitung der Oberfläche sowie Weben, Nähen und Wiederholen sind Teil der Entstehung des Werkes. Die Langsamkeit der Handarbeit, Zufall, Kontrolle und der Widerstand des Materials begegnen sich innerhalb dieses Prozesses. Die während der Arbeit vergehende Zeit lagert sich auf der Oberfläche ab; manche Spuren bleiben sichtbar, andere verschwinden unter weiteren Schichten. Doch nichts, was verschwindet, geht vollständig verloren. Geschichte wird zu Material, Material zu Zeit und Zeit zu einer Spur auf der Oberfläche.
Açar’s Malerei bewegt sich zwischen Abstraktion und Landschaft. Landschaft ist dabei weniger die unmittelbare Darstellung einer bestimmten geografischen Realität als das im Gedächtnis bewahrte und im Laufe der Zeit veränderte Bild eines Ortes. Geometrische Formen, weit gespannte Farbfelder, Linien und Schichtungen beschreiben keinen konkreten Ort, sondern untersuchen, wie ein Ort erinnert und im Gedächtnis immer wieder neu konstruiert wird. Raum wird dadurch von einem physischen Ort zu einem mentalen und emotionalen Terrain.
Ein wesentliches Element dieser malerischen Sprache ist Açar’s eigenständige Farbpalette. Farben werden nicht als isolierte Symbole verstanden, sondern entfalten ihre Bedeutung in den Beziehungen, die sie zueinander eingehen. Begegnungen, Übergänge, Intensitäten und Spannungen verbinden sich zu einer unverwechselbaren Farbsprache. Die Farbkombinationen entwickeln innerhalb des Bildes ihren eigenen Rhythmus und eine poetische Erzählung; manchmal tragen sie die Erinnerung an eine Landschaft in sich, manchmal die Schwingung einer Empfindung oder die Spur eines im Gedächtnis verbliebenen Bildes. Farbe wird so mehr als ein visuelles Element der Malerei: Sie wird selbst zu einem Träger der Erzählung.
Açar’s malerische Praxis erweitert sich zugleich in den Raum und in die Architektur. Besonders in ihren großformatigen Arbeiten wird das Bild zu einem Teil des architektonischen Umfelds, anstatt als unabhängiges Objekt an der Wand zu stehen. Die Dimensionen der Wand, das Licht, der umgebende Raum, der Maßstab des Werkes und die Bewegung der Betrachter werden Teil der Erfahrung. Architektur ist dabei kein neutraler Rahmen, sondern ein aktives Element, das die Wahrnehmung der Malerei mitprägt.
In dieser Beziehung vermittelt der Körper zwischen Malerei und Raum. Die Betrachter nähern sich dem Bild, entfernen sich wieder, treten in die Nähe der Oberfläche und versuchen zugleich, das Ganze zu erfassen. Mit Maßstab, Bewegung und Distanz verändert sich auch die Erfahrung des Bildes. Der Körper erscheint in Açar’s Arbeiten zugleich als Träger weiblicher Erfahrungen, Erinnerungen und Geschichten.
In Elfin Açar’s Praxis sind Identität, Erinnerung, Zeit und Raum keine voneinander getrennten Begriffe. Sie existieren als Schichten, die sich auf der Oberfläche berühren, gegenseitig verändern und immer wieder neu mit Bedeutung aufladen. Açar’s Arbeiten bieten keine eindeutigen Erzählungen, sondern eröffnen offene Räume. Vergangenheit und Gegenwart, das Persönliche und das Gemeinsame, Körper und Raum, Bild und Material begegnen sich auf derselben Oberfläche.
Für Açar ist Malerei daher weniger eine Wiederholung der Vergangenheit als eine Form, sichtbar zu machen, wie Identität, Erfahrung und Erinnerung immer wieder neu entstehen. Malerei ist in ihrer Praxis weniger ein Ergebnis als ein Forschungsfeld – ein poetischer Raum, in dem Geschichten, Zeit, Körper und Erinnerung auf der Oberfläche immer wieder neu eingeschrieben werden.
